Henris Hütte

Sie stand im Keller.

Vater und ich werkelten gerade an meinem Baumhaus herum: Ich drückte meine kleinen Hände gegen die Holzbalken, während Vater versuchte, sie mit dicken Nägeln zu verbinden. Vater ermahnte mich, still zu halten. Doch bei jedem seiner Hammerschläge fürchtete ich, mir einen Splitter einzufangen, trotz meiner Handschuhe. Blaue Flecken und Schürfwunden machten mir nichts aus. Doch allein der Gedanke an einen Splitter, der sich frech und frei in meinen Finger bohrte, und für immer dort eingeschlossen war, ließ meine Hände zittern.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wer von uns beiden die Idee hatte, aus den Brettern, die wir auf dem Dachboden gefunden hatten, ein Baumhaus im Garten zu zimmern.

Doch ich weiß, dass wir eine kindliche Freude für fantastische Abenteuer und übernatürliche Geheimnisse miteinander teilten. Auch wenn Vaters Besuche mir jedes Mal viel zu kurz vorkamen. Er hatte nie mit uns zusammengelebt. Mein Wunsch nach einem gemeinsamen Zuhause verbarg ich viele Jahre in meinem kleinen Herzen.

Jetzt stand ich da - mit klammen, kalten Fingern und schaute Vater dabei zu, wie er wieder und wieder den Hammer auf das Holz sausen ließ. Nach einer Weile wanderte mein Blick durch den Garten. Vorbei an Kirschbaum und Kiefer und Mutters geliebten Hängeweiden, die über den Zaun von Herrn Frieder wucherten. Ich stellte mir vor, dass sie ihren Ausbruch schon lange geplant hatten und sie nur auf einen unbeobachteten Moment warteten, um endlich Reißaus nehmen zu können.

Da sah ich sie.

Sie stand im Rahmen der Kellertür und rührte sich nicht. Ein langes, weißes Gewand, halb von der Schwärze des Kellers verschluckt. Ein fahles Gesicht, hinter langen Haaren versteckt, beobachtete mich. Beobachtete uns. Die Angst kroch mir langsam den Nacken hoch, doch es fehlte mir die Kraft, meinen Blick abzuwenden.

“Hey, träumst du?", riss mich Vater aus meiner Starre.

“Nein Papa, aber da ist jemand - im Keller.”

Mein Vater seufzte. Dann lehnte er sich zur Seite und schüttelte den Kopf: “Im Keller? Da ist niemand!”, lachte er und begann von neuem, Nägel in die Wand zu treiben. Ich wagte einen weiteren Blick und musste ihm Recht geben. Sie - war verschwunden. Oder hatte sie sich nur in die Dunkelheit unseres Kellers zurückgezogen? Meine Grübeleien verfolgten mich nicht nur am Tag:

In den folgenden Nächten schlief ich schlecht. Wilde Träume von Geistern und Dämonen trieben mir den Schweiß auf die Stirn. Selbst beim Erwachen tanzten schwache Eindrücke der nächtlichen Schrecken an meiner Kinderzimmerdecke herum, die nur das Licht der frühen Morgenstunden vertreiben konnten.

An einem Wochenende ließen mein Vater und ich die Eingangstür in mein Häuschen ein. Wir waren überglücklich, so schnell mit allem fertig geworden zu sein.

“Ich habe noch eine Kleinigkeit für dich”, bemerkte mein Vater und eilte Richtung Garage, die in einiger Entfernung am Ende des Gartens stand.

Währenddessen richtete ich mein Heim ein: Die Hocker schob ich unter den schmalen Tisch. In die Kuschelecke kam der Sitzsack, auf dem ich mich fallen ließ. Da klopfte es an der Tür.

Das musste Vater sein! Ich räusperte mich und ahmte seine tiefe Stimme nach: "Kommen Sie herein", sagte ich und konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.

Doch die Tür rührte sich nicht. Eine Windböe heulte durch die Holzwände, dann herrschte eine Ruhe.

"Papa?," fragte ich und rief: "Herei - ein".

“Komm heraus”, flüsterte eine zarte Stimme. Wenn das Vaters kläglicher Versuch war, meine Stimme nachzuahmen, so hatte er noch einiges zu lernen!

Da hörte ich das Flüstern wieder: "Komm heraus."

Ich musste lachen. Warum sollte ich herauskommen? Ich überzeugte mich, dass Vaters Überraschung einfach zu groß für meine kleine Hütte sei. Ein neues Fahrrad vielleicht? Oder ein riesiger Kuschelbär?

Eilig erhob ich mich vom Sitzsack und öffnete die Tür.

Doch da war niemand. Ein Schauer kroch mir den Rücken herunter. Wer hatte da geflüstert?

Ich musterte den Garten. Kirsche und Kiefer ächzten und die Hängeweiden tanzten im Wind. Mein Atem stockte. Vor dem Schatten der Kellertür zeichnete sich ein fahles Gesicht ab. Feine Strähnen umrahmten wache Augen, die mich anstarrten. Ich stolperte nach hinten und fiel zu Boden.

Dann schrie ich.

So fand mich mein Vater, verwirrt und verängstigt. Ich erzählte ihm von meiner Beobachtung, doch er tat das Ganze lachend als Hirngespinst ab. Er schwor hoch und heilig, sich keinen Spaß mit mir erlaubt zu haben. Dann zückte er ein selbstgeschnitztes Namensschild aus Holz hervor und übergab es mir feierlich.

"Henris Hütte" stand darauf.

Nach ein paar geschickten Hammerschlägen prangte das Schild feierlich über der Tür.

Ich fiel Vater in die Arme, nicht nur für das Namensschild, sondern aus Dankbarkeit, dass er sich so viel Zeit für mich genommen hatte.

Meine Mutter sorgte sich wegen meiner Albträume und meiner ausgeprägten Fantasie. Nur mit viel Zureden erlaubte sie mir, in meiner Hütte zu übernachten. Vater las mir noch eine Piratengeschichte vor (Geistergeschichten vorerst waren tabu), dann verabschiedete er sich und wünschte mir eine gute Nacht.

Glücklich und stolz schlief ich unbekümmert ein. Doch in meinen Träumen erwachten Bilder und Gefühle zum Leben, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte: Namenlose Wesen hatten sich in Dunkelheit gehüllt und verfolgten mich durch einen kargen Wald. Doch irgendetwas bewahrte mich vor ihren eisigen Klauen. Ich sah ein Kleid. Wache Augen. Sie! Sie zeigte mir den Weg hinaus!

In einer Vision lehnte ich nachts an der Kellertür und schaute in unseren Garten. Kirsche und Kiefer rahmten meine Hütte ein. Doch irgendetwas stimmte nicht: In meiner Hütte loderte ein Feuer! Eine Gestalt aus Flammen stieß die Tür auf und stapfte auf mich zu. Ich nahm die Beine in die Hand und rannte die Treppen hoch. Dann verschwamm die Vision - und ich erwachte zitternd in meiner Hütte.

Ein dumpfes Grollen durchzog die Nacht, während vereinzelte Regentropfen auf das Dach prasselten.

Eine furchtbare Schwere drückte mir auf die Brust, in der mein Herz keine Ruhe fand. Dann hörte ich eine Stimme, flüsternd und kalt: “Komm heraus, geh ins Haus.”

Ich versuchte, zu schreien, aber es gelang mir nicht.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und rannte durch den Garten, bis ich den Keller erreicht hatte.

Wider besseren Wissens drehte ich mich um und starrte auf die Tür meiner Hütte.

Das weiße Kleid umhüllt von tragischer Dunkelheit. Dünne Strähnen umrahmten ihr fahles Gesicht. Die Augen glänzten im Mondschein. Eine Fratze? Nein, ein Lächeln auf blauen Lippen.

Was wollte dieser Albtraum nur von mir?

Der Wind frischte auf und Donnerschläge brachten den Boden zum Beben. Blitze machten die Nacht zum Tag, bis einer von ihnen meine Hütte fand. Ein ohrenbetäubender Lärm löste endlich den Schrei in meiner Kehle und ich warf mich auf den Kellerboden.

So schnell der Sturm gekommen war, so schnell war er auch wieder gegangen. Doch das Ausmaß seiner Wut war unübersehbar.

Der Blitz hatte meine Hütte zum Einsturz gebracht. Aus dem Trümmerhaufen zwischen Kirschbaum und Kiefer stieg weißer Dampf empor, der sich im Regen der Nacht verlor.

Meine Angst war verflogen, doch der Verlust meiner Hütte erfüllte mich mit bitterem Kummer.

Mit hängendem Kopf schlurfte ich die Treppen hinauf und kuschelte mich an meine Mutter. In ihrem Armen schlief ich ein - und erwachte erst spät am nächsten Morgen.

Als ich mich zur Seite drehte, bemerkte ich, dass sich etwas unter meinem Kopfkissen befand. Langsam zog ich es hervor und erschrak beim Anblick des unversehrten Namensschildes, dass gestern noch an meiner Hütte geprangt hatte.

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Morgengrauen